Susanne Simon - Das Leben hat uns

eine wöchentliche Kolumne auf ZEIT.de

Vierzig Folgen erschienen von dieser Kolumne, die leider nicht fortgesetzt wird. Da es auf den Seiten von Zeit.de keine vollständige Übersicht der Artikel gibt, habe ich hier eine erstellt.

Susanne Simon besuchte alte Menschen und hörte zu, was sie zu erzählen hatten.
Die Autorin schrieb dazu eine Einführung: Das Leben hat uns: Warum?

  1. Freundinnen
    Frau Berlin ist 89 Jahre alt. Sie wohnt im 5. Stock eines Altersheims in Berlin. Ihr Zimmer ist karg eingerichtet und halbdunkel. Frau Berlin schätzt Dämmerlicht und warme wollene Kleider um ihren Körper, der sehr zart ist. Sie hat die Haare streng nach hinten gekämmt, als wäre da noch der Knoten, den sie sich vor Jahren abschneiden ließ. Ihr Blick ist achtsam, die Augen sind groß und rund geblieben – ZEIT online, 31.5.2005
  2. Das Leben ist wie ein Uhrwerk
    Frau L., 99, redet schnell und legt ihren Kopf auf die Seite, wenn sie lächelt. Sie lächelt oft. Ihr Zimmer im Altersheim wirkt wie ein gemütliches Nest. Unter dem Fenster steht eine kleine Couch mit bunten Decken - ihr Lieblingsplatz am Tage – ZEIT online, 7.6.2005
  3. Versäumnisse
    Herr T. zog vor neun Monaten mit seiner Frau in ein Alterspflegeheim nach Berlin-Kreuzberg. Er wurde 1911 in Berlin geboren und arbeitete als freiberuflicher Sportjournalist. Susanne Simon besuchte Herrn T. zwei Wochen nach dem Tod seiner Frau – ZEIT online, 14.6.2005
  4. Ein Kampf von sechs Monaten
    Frau Lenart, 1917 geboren, ist die Tochter des Nationalökonomen und Soziologen Franz Oppenheimer. Sie emigrierte nach Kalifornien. 1964 lud der ehemalige Bundeskanzler Erhard sie zum hundertsten Geburtstag ihres Vaters nach Berlin ein. Das wurde ihre Rückkehr nach Deutschland – ZEIT online, 21.6.2005
  5. Die späteren Jahre
    James Hillman, 1926 in Atlanta City geboren, arbeitete als Psychoanalytiker, war nach C.G. Jungs Tod Studiendirektor des C.G. Jung Instituts in Zürich. Mit 58 Jahren kehrte er in die USA zurück und beendete seine Arbeit als klassischer Psychoanalytiker. Seither lebt er in Connecticut und ist vorwiegend als Schriftsteller tätig. Zur Zeit ist er auf Lesereise mit seinem jüngstem Buch »Die erschreckende Liebe zum Krieg«. Anlässlich des 60. Jahrestages des Kriegsendes kam er auch nach Berlin. Ich treffe ihn im Regent-Hotel – ZEIT online, 28.6.2005
  6. Schrittchen
    Herr B. ist 88 Jahre alt und lebt seit drei Jahren in einem Altersheim in Weinheim an der Bergstraße. Das Nachdenken kostet ihn Mühe. Sein Körper zittert, als würde sich ein Schmerz in ihm bewegen, der ihn beinahe überfordert, aber weich werden ließ. Für die Weichheit hat er noch keine neue Sprache gefunden – ZEIT online, 5.7.2005
  7. Es war so schön
    Frau Beinke, 93, lebt in einem Alterspflegeheim in Berlin. Mit 17 Jahren verließ sie ihre Heimat, den kleinen Ort Schneidemühl in Pommern, um in Berlin Arbeit zu suchen – ZEIT online, 12.7.2005
  8. Meine Insel
    Frau Hausner, geboren 1907 in Berlin, zog 1925 zu ihren Eltern nach Niederländisch-Indien, dem heutigen Indonesien. Ihr Vater war Elektroingenieur und zuständig für mehrere Zuckerrohrunternehmen auf der Insel Java und baute später das erste javanische Elektrowerk mit auf. Auf der Insel Borneo traf sie ihren zukünftigen Mann, einen Schlesier. Ihre Töchter waren zweieinhalb und fünf Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg 1940 ihrer glücklichsten Zeit ein jähes Ende setzte. Heute lebt Frau Hausner allein in ihrer Berliner Wohnung – ZEIT online, 19.7.2005
  9. Schlafen kann ich später
    Dr. Gustav, 85 Jahre alt, lebt im Augustinum, einem bestens ausgestatteten Seniorenstift im Rhein-Neckarraum. Seine braunen Augen blitzen, er bewegt sich anmutig und leicht. Dr. Gustav hält nicht viel von Rückzug und Stille. Leben heißt tätig sein – ZEIT online, 26.7.2005
  10. "Und wenn du aufwachst, ist es wahr"
    Frau Meisen, 92, treffe ich vormittags in ihrer Wohnung. Ich bin ein bisschen außer Atem. Sie sagt charmant, die vielen Treppenstufen seien ihre Lebensversicherung. Tatsächlich wirkt Frau Meisen sehr vital. Sie fragt mich, was ich von einer so unbedeutenden Frau wie ihr wolle, schenkt uns Sekt in Kristallgläser ein und beginnt zu erzählen – ZEIT online, 2.8.2005
  11. Blausäure im Mittelmeer
    Frau Lenart, 87, gelang es im Dezember 1938 ihrem Vater, dem Nationalökonom und Soziologen Franz Oppenheimer einen Pass zu verschaffen, mit dem er Deutschland verlassen konnte (ZEIT online vom 21.6.2005). In einem weiteren Gespräch erzählt sie, wie sie selbst Nazi-Deutschland den Rücken kehrte – ZEIT online, 9.8.2005
  12. Der Weg nach Neuruppin
    Frau von Vangerow wurde am 14. Januar 1921 in Winningen an der Mosel geboren. Ihr Mann war Brigadegeneral und in den Fünfziger Jahren am Aufbau der Bundeswehr beteiligt. Sie selbst zog fünf Kinder auf und arbeitete zeitweise als Dolmetscherin – ZEIT online, 18.08.2005
  13. Brahms im Kopf
    Frau J. wurde am 4. Februar 1914 in Königsberg geboren. Im Ruhrgebiet, in der Ortschaft Sprockhöfe, hat sie als selbstständige Masseurin gearbeitet. Vor sechs Monaten zog sie in ein Alterspflegeheim. Ich bin mit ihr zu einem Telefongespräch verabredet. "Was haben Sie auf dem Herzen?", fragt sie. Es klingt voll und sandig, nicht leise oder schwach. Nach geraumer Zeit erinnert sie sich. "Warten Sie einen Moment. So, jetzt liege ich und habe das Telefon auf dem Bauch." – ZEIT online, 23.08.2005
  14. Meine Mutter war ein Baum
    Murad E. wurde 1941 in der Türkei in der Ortschaft Ispir geboren. Seit 1964 lebt er in Berlin. Wir sind Nachbarn und wechseln ab und zu einige Worte. Das lüftet sein Herz aus, erklärte er mir. Als ich ihn besuche, ist Murad von Kopf bis Fuß übersät mit weißen Farbklecksen. Er streicht Fenster, die zu einer anderen Wohnung gehören – ZEIT online, 31.08.2005
  15. Auf der Suche nach Unerschütterlichkeit
    Susanne Simon besucht Heribert Stein. Er wurde im Dezember 1924 in Berlin geboren und 1943 zur Wehrmacht eingezogen. In der Ukraine verlor er einen Arm. Nach dem Krieg war er Lehrer für Geschichte und Erdkunde und später Schulleiter eines Berliner Gymnasiums. Seit zwei Jahren lebt er im Katharinenhof, einer Anlage für betreutes Wohnen – ZEIT online, 6.9.2005
  16. In Tante Ernas Haus
    Dina Malchow wurde 1928 in Berlin geboren. Sie ist jüdischer Herkunft und überlebte den Nationalsozialismus in Berlin. Von Beruf war sie Kosmetikerin, wobei ihr wichtig ist, zu erwähnen, dass man für diese Tätigkeit eine künstlerische Ader braucht. Heute lebt sie im Katharinenhof, einer Pflegewohnanlage in Berlin-Wilmersdorf – ZEIT online, 13.9.2005
  17. Weiße Seide
    Ursula Scharruhn wurde 1924 in Mücheln, in der Nähe von Magdeburg, geboren. Sie arbeitete in der Straßenbaufirma ihres Mannes. Nach dessen Tod zog sie nach Berlin in den Katharinenhof, einer Anlage für betreutes Wohnen. Hier ist sie ihren zwei Kindern nahe – ZEIT online, 20.9.2005
  18. Wie die Fische nachts atmen
    Marie Wilhelm wurde 1907 geboren und lebt heute in einem Altersheim im Rhein-Neckar-Raum. Die Heimleiterin nennt sie Teufelchen – ZEIT online, 27.9.2005
  19. Wie Hitler meinen Vater rettete
    Nikos Sakoutis wurde am 18.1.1935 in Athen geboren. Er war gelernter Elektriker, als er nach Deutschland kam. Heute hat Nicos eine Tochter und lebt mit seiner deutschen Frau in Berlin – ZEIT online, 4.10.2005
  20. Harter Zwieback und ein Stückchen Schokolade
    Frau Weisheit wurde am 11.09.1904 in Bielefeld geboren. Sie lernte Weißnähen und leitete eine Nähstube, bis sie ihren Mann, einen Textilingenieur, heiratete. Vor zwei Jahren zog sie nach Berlin in den Katharinenhof, wo ihre Tochter ihr ein Appartement aussuchte. Erst, als die Kastanien vor ihrem Balkon Laub bekamen, begann sie sich heimisch zu fühlen, erzählt sie. Die hohen grauen Häuser in Berlin waren ihr fremd – ZEIT online, 11.10.2005
  21. Ein Anflug von Vergangenem
    Frau L., 79 Jahre alt, wurde in Berlin geboren. Sie arbeitete als Volkschullehrerin. Mit ihrem Mann, einem Professor für Geschichte, zog sie nach Berlin- Zehlendorf. Er starb vor sieben Jahren – ZEIT online, 18.10.2005
  22. Trauer sucht sich ihre Zeit
    Frau R. wurde 1920 in Hamburg geboren, erlebte den Krieg in Stuttgart. Die gelernte Schneiderin zog in den fünfziger Jahren mit ihrem Mann und zwei Kindern nach Berlin. Seit einem halben Jahr lebt sie in einem Wohnstift für Senioren – ZEIT online, 25.10.2005
  23. Halte was du hast, dass niemand deine Krone nehme
    Rose de Laczkovich wurde am 4. Juni 1923 in Berlin geboren. Noch unter dem Mädchennamen Kauffmann wurde sie als Eiskunstläuferin bekannt. Mit ihrem Mann, dem ungarischen Musikprofessor Janos Laczkovich und drei Kindern lebte sie in Argentinien, den USA und in Berlin. Roses Mann starb vor zehn Jahren. Dies ist der erste Teil eines Gesprächs – ZEIT online, 1.11.2005
  24. Das fremde Haus
    Frau D. wurde 1918 in Pommern geboren. Ihr Mann ist lange tot. Sie lebt im Erdgeschoss eines Hauses, dessen Zimmer spartanisch eingerichtet und winzig sind. Vor der Haustür steht ein verrosteter Rollstuhl. Einer ihrer Söhne bewohnt den oberen Teil des Hauses. Er besucht sie alle zwei Tage für zehn Minuten – ZEIT online, 8.11.2005
  25. Die Uniform
    Thomas von Randow wurde am 26.12.1921 in Breslau geboren. Er ist Mathematikprofessor und lehrte am MIT, dem Massachusetts Institute of Technology, wurde Redakteur der ZEIT, und war maßgeblich an der Entwicklung des Wissenschaftsjournalismus beteiligt. Heute lebt er allein in seiner Wohnung in Hamburg – ZEIT online, 15.11.2005
  26. Die Mathematik ist mein Zuhause
    Thomas von Randow wurde am 26.12.1921 in Breslau geboren. Er ist Mathematikprofessor und lehrte am MIT, dem Massachusetts Institut of Technology, bevor er Redakteur der ZEIT wurde und den Wissenschaftsjournalismus entwickelte. Heute lebt er allein in seiner Wohnung in Hamburg. Dies ist der 2. Teil unseres Gesprächs – ZEIT online, 22.11.2005
  27. Weg von den Bomben
    Hoanh Tuy Vuong wurde am 6. Juni 1935 in Hue in Südvietnam geboren und lebt heute in Berlin-Mitte. Er ist Seele und Namensgeber des Restaurants "Monsieur Vuong", das sein Sohn Dat erfolgreich in der Alten Schönhauser Straße betreibt. Susanne Simon hat ihn dort getroffen – ZEIT online, 29.11.2005
  28. Aus der Traum
    Gespräch mit dem 69-jährigen Griechen Georgios Sonntagnachmittags im Kulturhaus Berlin-Steglitz. Im Sommer lernte Susanne Simon ihn als jemanden kennen, der in großen Runden zuhört und schweigt – ZEIT online, 6.12.2005
  29. Es gibt weder richtig noch falsch
    Maria di Pietro wurde am 8. Dezember 1915 in Krakau geboren. Im selben Jahr zogen die Eltern mit ihr nach Berlin. Schon als junge Frau arbeitete sie als Journalistin und Übersetzerin. Seit 1945 lebt sie in Rom. Vor 13 Jahren starb ihr Mann, ein Italiener, die ältere Tochter ist zu ihr gezogen. Ihre jüngere Tochter organisierte ein Treffen in Hamburg. Mutter und Tochter, die einander sehr verbunden sind und gerne gemeinsam reisen, erwarten die Autorin Susanne Simon in der Lobby des Hotels Atlantik – ZEIT online, 13.12.2005
  30. Meine Lady
    Ilse Holtmann wurde am 24. September 1914 in Berlin geboren. Bis heute ist sie als Schauspielerin tätig und plant gerade einen neuen Rezitationsabend. Seit dem Tod ihrer Mutter 1976 lebt sie allein, hat aber viele Freunde und Bekannte. Ihr Gefährte lebt in München – ZEIT online, 20.12.2005
  31. Dreimal Tränen
    Frau Weisheit wurde am 11. September 1904 in Bielefeld geboren. Sie lernte Weißnähen und leitete eine Nähstube, bis sie ihren Mann, einen Textilingenieur, heiratete. Vor zwei Jahren zog sie nach Berlin in den Katharinenhof, wo ihre Tochter ihr ein Appartement aussuchte. Dies ist ihr zweites Gespräch mit Susanne Simon. Sie erzählt von ihrer Schwester, mit der sie in Bielefeld in einem Altersheim leben wollte – ZEIT online, 3.1.2006
  32. Wie kommt das Ende?
    Trude Michel wurde am 21. August 1913 in Mannheim geboren. Sie arbeitete als Fremdsprachensekretärin und von den fünfziger Jahren an als Krankengymnastin. Seit August 2004 lebt sie in einem Altersheim in einem Vorort von Mannheim – ZEIT online, 10.1.2006
  33. Eine Gesinnungsfrage
    Frau Kuhn wurde am 2. September 1914 geboren - am Sedantag, wie sie sagt. Bis zu ihrer Pensionierung arbeitete sie als Ärztin. Sie hat einen Sohn und lebt in einem Pflegeheim in Wilmersdorf – ZEIT online, 17.1.2006
  34. Nichts über den Tod
    Susanne Simon trifft Herrn Bensch. Er wurde 1921 in Saarbrücken geboren, studierte Betriebswirtschaft und arbeitete im Verkehrswesen. Er hat zwei Söhne und lebt in Süddeutschland – ZEIT online, 24.1.2006
  35. Luftbrücke in ein neues Leben
    Rose de Laczkovich wurde am 4. Juni 1923 in Berlin geboren. Noch unter ihrem Mädchennamen Kauffmann wurde sie als Eiskunstläuferin bekannt. Mit ihrem Mann, dem ungarischen Musikprofessor Janos Laczkovich, und drei Kindern lebte sie in Argentinien, den USA und in Berlin. Roses Mann starb vor zehn Jahren. Susanne Simon traf sie in der Erika Hess-Eiskunsthalle, wo Rose regelmäßig trainiert – ZEIT online, 31.1.2006
  36. Frühe Rollenkonflikte
    Frau Bieneck-Roos wurde am 25. Oktober 1925 in Münsingen auf der Schwäbischen Alb geboren. Sie studierte Kunst an der Akademie für bildende Künste in Stuttgart und wurde als Industriemalerin bekannt. Sie lebte mit ihrem Mann und zwei Töchtern in Mannheim. Seit dem Tod ihres Mannes bewohnt sie das Haus allein – ZEIT online, 7.2.2006
  37. Irgendwann wieder normal
    Katharina Glatz wurde am 1. Dezember 1924 in Großpold, einer Ortschaft in Siebenbürgen, geboren. 1991 verließ sie Rumänien und zog mit ihrem Mann zur Tochter und deren Familie nach Großsachsen, einem badischen Dorf an der Bergstraße – ZEIT online, 14.2.2006
  38. Der gute arische Pass
    Frau Lenart wurde am 3.12.1917 als Tochter des Nationalökonomen und Soziologen Franz Oppenheimer geboren. 1938 beschaffte sie ihrem Vater im letzten Moment ein Ausreisevisum. Sie reisten nach Japan, wo Herr Oppenheimer einen Vertrag mit der Keio-Universität in Tokio hatte. Doch wider Erwarten war der Kampf um ein Visum noch nicht beendet. Frau Lenart lebt in ihrer Berliner Wohnung, sie wird jedoch bald zu ihrem Sohn nach München ziehen – ZEIT online, 21.2.2006
  39. Fluchtwege
    Herr Bensch wurde 1921 im damaligen Saargebiet geboren, studierte Betriebswirtschaft und arbeitete im Verkehrswesen. Er hat zwei Söhne und lebt in Süddeutschland. Susanne Simon trifft ihn zum zweiten Mal – ZEIT online, 28.2.2006
  40. Im Alter lebt es sich gefährlich
    Ilse Holtmann wurde am 24. September 1914 in Berlin geboren. Bis heute ist sie als Schauspielerin tätig. Seit dem Tod ihrer Mutter vor 30 Jahren lebt sie allein. Frau Holtmann hat viele Freunde und Bekannte, dennoch weiß sie: Ein alter Mensch ist schutzlos, wenn er alleine lebt – ZEIT online, 7.3.2006